Autor Peter Stamm

Es ist eine illustre Runde, die sich über die Jahre angesammelt hat. Der Kanon der abiturrelevanten Bücher liest sich wie das „Who is who“ der deutschsprachigen Schriftsteller-Gilde: Schiller, Fontane, Kafka, Kleist, Frisch, Dürrenmatt oder Grass, um nur die der letzten Dekade zu nennen. Allen, bis auf Grass, ist leider ein weiterer Fakt gemeinsam: Sie weilen alle nicht mehr unter den Lebenden. Und Grass macht sich rar, er kann es sich als Literaturnobelpreisträger auch leisten. Ganz anders Peter Stamm, der Neuling in der vom Regierungspräsidium vorgeschriebenen Liste der für die gymnasiale Abschlussprüfung zu lesenden Autoren. Er tingelt durch`s Land. Und so bekamen auch unsere Schülerinnen und Schüler einmal die Gelegenheit, einen sehr vitalen Schweizer nach seinem Roman „Agnes“ zu befragen.
Am vergangenen Dienstag, dem 4.11., machten sich 70 EKGler nach Marbach auf. Sie waren nicht die einzigen. Über 3000 Abiturientinnen und Abiturienten hatten sich für die Lesung beworben, wir hatten das Glück, ausgewählt worden zu sein. So drängelten sich etwa 400 Personen im Literaturarchiv. Peter Stamm las zunächst ein Kapitel aus „Agnes“ vor, bevor die Fragerunde eröffnet wurde. Fast zwei Stunden konnten nun alle den Roman und den Autor auf Herz und Nieren prüfen. Endlich einmal sollte man zu hören bekommen, ob sich der Urheber mit den Interpretationen der Leserinnen und Leser einverstanden erklären würde. In der Vorstellungswelt der Schülerinnen und Schüler besitzt nur eine Deutung ihre Berechtigung, ähnlich wie in Mathematik nur eine Lösung richtig ist. Ist Agnes nun also am Ende des Romans tot oder nicht?
Ernüchterung: Peter Stamm weiß es auch nicht. Würde er einer Interpretation die Absolution erteilen, in der es heißt, Agnes sei ab etwa der Hälfte des Werkes nur noch eine Fiktion des Ich-Erzählers und existiere in der Realität nicht mehr? Auch hier kein Widerwort Stamms. Jeder Leser müsse sich das Buch selber erschließen und etwas aus der Handlung für sich machen.

Doch nicht nur zum Inhalt bekam man als Zuhörer viel Wissenswertes näher gebracht. Auch über das Schaffen eines Autors wurde einem einiges klarer. Eigentlich sollte man sich abgewöhnen, Kritiken über seine Bücher zu lesen, so Peter Stamm. Oder zumindest sollte man sie nicht persönlich nehmen. Das schaffe er auch ganz gut, einzig mit Elke Heidenreich verbinde ihn eine besondere Beziehung. Sie hatte „Agnes“ Ende der 90er Jahre mit einer Vehemenz verrissen, die schon einem Missionierungsanspruch ähnlich kam (anzuschauen über die Homepage von Peter Stamm). Danach artete es in einen Kreuzzug aus, indem sie an keinem Buch Stamms ein gutes Haar ließ. „Dabei habe sie selbst nie Erwähnenswertes aus der Feder bekommen“, so der Schweizer Autor in seiner Replik.
Ach ja, und ob er nun reich geworden sei durch die Pflichtlektüre „Agnes“ in Baden-Württemberg? Geld verdiene er vor allem durch die Lesungen, nicht durch den Verkauf des Romans. Vom Hardcover bekomme er etwa 11 % und vom Taschenbuch ca. 7 % des Verkaufspreises, also zwischen 60 Cent und 1 € pro Ausgabe. Davon könne man nur leben, wenn etwa drei Jahre lang alle Gymnasiasten sein Buch lesen müssten. Was jetzt der Fall ist. Trotzdem hoffe er, dass die Pflicht nicht mit Qual gleichzusetzen sei.

Nach diesem launigen Vormittag können wir ihm diese Angst nehmen. Schon auf dem Nachhauseweg und in der darauf folgenden Deutschstunde wurde eifrig diskutiert und reflektiert. Wenn dies nun in gute Abituraufsätze mundet, umso besser!
Stefan Weber    

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