Wenn man etwas feiert, dann sollte man ja wissen, warum man feiert, deshalb habe ich mir anlässlich des
100. Geburtstags von Erich Kästner zwei Fragen gestellt. Diese lauten:

1.) Wer war dieser Mann?
2.) Was bedeutet er, der unserer Schule den Namen geliehen hat, eigentlich für uns?

Eine Antwort auf die erste Frage lässt sich schnell finden:

Erich Kästner ist der Autor vieler Kinderbücher, die wir alle gelesen haben und die für viele von uns zu treuen Begleitern über lange Zeit geworden sind. Wir kennen Anton, Emil, das doppelte Lottchen und die Buben aus dem fliegenden Klassenzimmer und wir haben mit diesen neugierigen, tapferen und immer mutigen Kindern mitgelitten, wenn sie von Erwachsenen nicht verstanden oder sogar gequält wurden.

Warum berühren uns diese jungen Helden so?

Ich glaube, es liegt daran, dass sie ganz normale, oft auch freche Kinder sind, die dennoch stets auf unsentimentale Weise für Gerechtigkeit und das Gute kämpfen. Zum Glück gehen die Abenteuer ja immer gerade noch gut aus und sie können Kindern Mut machen - Erwachsene sollten die Geschichten dagegen nachdenklich machen.

Und auch für Jugendliche und Erwachsene hat Kästner Bücher geschrieben, deren Hauptfiguren zu Freunden werden können. Ich denke hier besonders an den "Fabian".

Nun zur Antwort auf die zweite Frage: Was bedeutet dieser Mann für uns als Schulgemeinschaft?

Kästner wollte ursprünglich Lehrer werden. Er erzählt davon immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen. Warum er es schließlich doch nicht wurde, begründet er so:
Bei seiner Lehramtsprüfung habe er plötzlich gemerkt, dass er "kein Lehrer", sondern "ein Lerner" war. Er sagt selbst: "Ich wollte nicht lehren, sondern lernen. Ich hatte Lehrer werden wollen, um möglichst lange ein Schüler bleiben zu können. Ich wollte Neues, immer wieder Neues aufnehmen und um keinen Preis Altes, immer wieder Altes weitergeben. Ich war ungeduldig und unruhig..."
Nun, ich denke, Kästner wäre doch ein guter Lehrer geworden - wenn auch einer, der dem zeittypischen Lehrerbild nicht entsprochen hätte. Einer jedenfalls, der sich auf Neues einlässt, der mit seinen Schülern zusammen neugierig ist und der vor allem nicht vergessen hätte, dass er selber einmal Schüler war.
Sein Vermächtnis an uns jedenfalls sehe ich darin, dass wir alle, Schüler und Lehrer, "neugierig und unruhig" ( im Kästnerschen Sinne ) bleiben, eben echte "Lerner", dann sind wir hier im doppelten Sinne Kästner- Schüler und Kästner-Lehrer.

Rede zum 100. Geburtstag 1999
von Stefanie Doosry


und noch mehr zu Erich Kästner und die Lehrer ....

 

In seiner Kindheitsbiographie "Als ich ein kleiner Junge war" erklärt Erich Kästner, warum sein erster Berufswunsch, Lehrer zu werden, sich beinahe zwangsläufig ergab.

Um ein Zubrot zum Familieneinkommen hinzuzuverdienen, nähte Kästners Mutter bis tief in die Nacht hinein Leibbinden, was jedoch den kleinen Erich im Schlaf störte. Daher gab sie die Näherei auf. Man beschloß, in ein Zimmer der ohnehin kleinen Wohnung im dritten Stock der Königsbrücker Straße 48 einen Untermieter aufzunehmen.

Der erste Mieter war ein Volksschullehrer namens Franke, den Kästner später als "jungen, lustigen Mann" beschreibt, der durch sein "übermütiges Lachen" besonders auffiel. Er bewohnte - bis zu seiner Heirat - dieses Zimmer mit Frühstück und Familienanschluß bei den Kästners .

Ihm folgte eine Französichlehrerin aus Genf, Mademoiselle T., die bald auszog, als sie ein Kind bekam.

Schließlich zog ein weiterer Lehrer mit Namen Paul Schurig bei den Kästners ein. Kästner bezeichnet ihn als "sehr großen, sehr blonden und sehr jungen Mann." Und natürlich bekam der kleine Erich das Alltagsgeschäft am Schreibtisch eines Lehrers mit. Es faszinierte ihn ungeheuer und weckte sein Interesse und seinen Entdeckergeist.

Kästrner schreibt dazu:

"Ich wuchs also mit Lehrern auf.... Ich sah die blauen Schulhefte und die rote Korrekturtinte lange bevor ich selber schreiben und Fehler machen konnte."(Quelle: s.u. Kap.6, S. 78)

Paul Schurig muss sich bei den Kästners sehr wohl gefühlt haben. Er bewohnte zeitweise zwei Zimmer der Dreizimmerwohnung (sollte man nicht sagen, die Kästners wohnten bei ihm?) und er zog mit ihnen in die Königsbrücker Straße 38 um. Für Erich Kästner wurde er im Laufe der Jahre zu mehr als einem Untermieter, eher "einer Art Onkel", einem Idol, mit dem er auch seine ersten "Reisen" in Sachsen unternahm.

Kästner erzählt weiter von seinem ersten Schultag, seiner ersten Zeit bei einem Lehrer namens Bremser, bei dem der junge Kästner, weil unterfordert, nach eigener Aussage "sträflich unaufmerksam" war. Doch dann entdeckte Kästner "das Reich der Buchstaben" und das "Land des Lesens", das ihm die Möglichkeit eröffnete seinen Bildungshunger weiter zu stillen.
Er schreibt "Ich las und las und las. Kein Buchstabe war vor mir sicher."(Quelle: s.u. Kap. 7, S. 96)
So wurde aus dem kleinen unaufmerksamen Erich doch noch ein Musterschüler mit lauter Einsen im Zeugnis.

Nach diesen ersten schulischen Erfahrungen mit dem eher gemütlichen und permissiven Herrn Bremser bekam es Kästner in der fünften Klasse mit Herrn Lehmann zu tun - einem dem schon ein gewisser Ruf vorauseilte.
Dieser Lehrer war ein echter Paukertyp, vor dem seine Schüler zitterten und der seine Schüler beim kleinsten Vergehen mit dem Rohrstock verprügelte. Dies war in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, und auch noch später, nicht unüblich. Für den kleinen Erich war dies jedoch zunächst das totale Kontrastprogramm zu den Lehrern, mit denen er bis dahin zu tun gehabt hatte.

Es dauerte sehr lange bis er den Herrn Lehmann von einer anderen Seite kennenlernte. Auf einer Exkursion ins Elbstandsteingebirge erlebte er ihn dann als gebildeten, sportlichen und kumpelhaften Typen von einer ganz anderen Seite. Der kleine Erich durchschaute Herrn Lehmanns wirkliches Problem:
"Er schlug aus Verzweiflung. Er verstand nicht, daß wir nicht verstanden, was er verstand."(s.u. Kap 14, S. 181)
Erich Kästner begriff, dass dieser "einsame Wandersmann", dieser knochenharte Herr Lehmann, im Grunde ein ganz armer, überforderter Pädagoge war, einer für den "dreißig Schüler fünfundzwanzig zuviel waren."

So hatte der kleine Erich die ganze Bandbreite der Lehrertypen kennengelernt, als er selbst das Lehrerseminar besuchte.
Der Besuch dieses Seminars, mit dem Ziel Volkschullehrer zu werden, war eine der Aufstiegsmöglichkeiten für begabte Knaben aus armen Verhältnissen in der damaligen Zeit.
So wie Herr Franke und vor allem Paul Schurig den jungen Kästner in seinem Wunsch bestärkt haben mochten Lehrer zu werden, war es möglicherweise sein neues Verständnis von Herrn Lehmann, das ihn schließlich davon abbrachte, als er selbst vor einer Klasse stand.

Seine Beweggründe und Schlüsse beschreibt meine Kollegin Doosry in der Rede oben auf dieser Seite.

Weiterhin hatte Kästner wohl auch Selbstzweifel, als er sich mit den Augen der Schüler vor ihm betrachtete:
"Der Jüngling auf dem Katheder, dachten sie, das ist kein Lehrer und wird nie ein richtiger Lehrer werden."(Quelle: s.u. Kap 6, S. 79)
Seinen hohen Ansprüchen an Lehrer, geprägt durch die Wahrnehmungen in seiner Kindheit, fühlte er sich selbst wahrscheinlich nicht geyachsen, als er zu dem Schluß kam "Echte, berufene, geborene Lehrer sind fast so selten wie Helden und Heilige."(Quelle: s.u. Kap6, S. 80)

Gott sei Dank müssen wir vielleicht heute sagen, ist Kästner kein Lehrer geworden, nicht weil er vielleicht ein "schlechter Lehrer" geworden wäre. Auch ich glaube, er wäre ein "guter Lehrer" geworden - aber - hätte er dann auch all die Bücher und Gedichte geschrieben, für die wir ihn heute so schätzen?

- Wohl kaum.

Quellennachweis:
Alle Zitate aus : Erich Kästner, "Als ich ein kleiner Junge war", Atrium Verlag, Zürich, 1957
hier : Cecilie Dressler Verlag, Hamburg, 20. Auflage 1982

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