Das Viertel aus Erich Kästners Kindertagen
besuchte ca. 100 Jahre später
Klaus-Dieter Grüninger


Erich Kästners Königsbrücker Straße heute- in dem Haus mit Pfeil wurde er geboren

Die Königsbrücker Straße in der Neustadt von Dresden war Erich Kästners Zuhause, hier wuchs er auf. Sein Verhältnis zu ihr charakterisiert er in dem wohl für seinen Sohn geschriebenen Buch "Als ich ein kleiner Junge war" in seiner bekannt humorvollen Art folgendermaßen:
" Diese Straße und ich kamen voneinander nicht los! ..... Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße."
(Quelle: s.u. Kapitel 5, S.65)

Kästners Geburtshaus

 

 

In diesem Haus, Königbrücker Straße 66, das in neuerer Zeit renoviert wurde, wohnten Kästners Eltern in der vierten Etage (also unter dem Dach) als der kleine Erich 1899 zur Welt kam. Die Kästners zogen jedoch wenig später aus diesem Haus weg als Erich noch sehr klein war. Für Kästner blieb es daher fremd, ein Haus an das er keine Erinnerungen hatte und zu dem er keine besondere Beziehung aufbaute.

Erinnerungstafel

 

Bis auf eine Tafel im Durchgang erinnert auch nichts daran, dass dieses Haus im Leben eines der bekanntesten Kinder der Stadt einmal eine Rolle gespielt hatte.
In "Als ich ein kleiner Junge war" schreibt Erich Kästner 1957 darüber:
"An die vierte Etage, Königsbrücker Straße 66, kann ich mich nicht mehr erinnern ... Es blieb ein fremdes Haus. Eine Mietskaserne wie tausend andere auch."

(Quelle: s.u. Kapitel 5, S.66)

Königsbrücker Str. 48

Die Kästners zogen innerhalb der Königsbrücker Straße zweimal um, zunächst in das Haus Königsbrücker Straße 48, diesmal in die dritte Etage.
Es ist wohl das Haus das Kästner am meisten prägte, das Haus in dem er die entscheidenden, prägenden Jahre seiner Kindheit verbrachte. Über dieses "zweite Haus meiner Kindheit", seine Spiele mit Zinnsoldaten im Flur dieses Hauses und seine Schwierigkeiten, die vollbepackten Einkaufstaschen in den dritten Stock zu schleppen, schreibt er ausführlich in "Als ich ein kleiner Junge war":
...um so besser erinnere ich mich an das Haus mit der Nummer 48. An den Hausflur. An das Fensterbrett, wo ich saß und in die Hinterhöfe blickte. An die Treppenstufen, auf denen ich spielte. Denn die Treppe war mein Spielplatz..."

(Quelle: s.u. Kapitel 5, S.66)

Später zogen die Kästners weiter noch die Königsbrücker Straße hinunter in Richtung Elbe und Dresdner Altstadt in das Haus No 38 - ein Jugendstilgebäude, das heute unter Denkmalschutz steht.

(Kästner würde dies bestimmt amüsieren, wenn er es wüsste.)


Königsbrücker Str. 38

Sie zogen in eine sicher teurere Wohnung in Richtung Albertplatz, wo die feinen Leute in ihren feudalen Villen mit zwei Eingängen - einen für "Herrschaften" und einen Dienstboten und Lieferanten - wohnten.
Die Wohnung der Kästners war hier schon deutlich bescheidener - hier gab es keine "Nymphen aus Bronze" wie in den Herrenhäusern.

In seiner bekannt pointierten Art beschreibt Kästner den - wenn auch im Vergleich zu seinen Verwandten bescheidenen - sozialen Aufstieg seiner Familie so:

"Geboren wurde ich in einer vierten Etage. In der 48 wohnten wir im dritten und in der 38 im zweiten Stock. Wir zogen tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten, ohne sie zu erreichen .."
(Quelle: s.u. Kapitel 5, S. 64)

Onkel Franzens Villa Antonstr. 1
heute Erich Kästner Museum

...nun, Erich Kästner erreichte die feinen Häuser mit den Vorgärten doch noch, ... nicht etwa, weil er es selbst zu Ansehen und einem gewissen Wohlstand brachte, das passierte erst sehr viel später und gehört - wie er selbst es sagen würde - "noch nicht hierher".
Zunächst waren es einmal die Brüder seiner Mutter, vor allem sein Onkel Franz Augustin, der den Metzgersberuf an den Nagel hängte und sich dem Pferdehandel verschrieb. Vor allem bei Geschäften mit der Armee war hier - es war die Zeit vor dem ersten Weltkrieg - viel Geld zu verdienen. Für Onkel Franz ging diese deutsche Version des 'American Dream' in Erfüllung - er verdiente sich "dumm und dämlich".
So kaufte er schließlich das Haus Antonstraße 1, direkt an einer Ecke des belebten Albertplatzes gelegen.
Kästner selbst beschreibt es so :
"Haus ist nicht ganz das richtige Wort. Es handelte sich um eine zweistöckige, geräumige Villa mit einem schattigen Garten, der fast ein Park war und mit der Schmalseite an den Albertplatz grenzte."
(Quelle: s.u. Kapitel 12, S. 162)

Onkel Franzens Villa, liegt nur einige 100 Meter von der Königsbrücker Straße 48 entfernt. Seine Tante Lina war froh in dem großen und für sie noch fremden Haus Gesellschaft zu haben - insbesondere dann, wenn der Onkel, der laut Kästner durchaus despotische Züge hatte, in wichtigen Geschäften unterwegs war. Und so verbrachte der junge Erich - meist zusammen mit seiner Mutter - dort zahlreiche Stunden.
Fast ist es ein Wunder, dass dieses Haus den Luftangriff auf die nahegelegene Altstadt von Dresden im zweiten Weltkrieg und die Wirren der DDR Zeit recht unbeschadet überstanden hat. Lange stand das Haus leer und war dabei zu verfallen. Es ist um so erfreulicher, dass nun wieder Leben in diesem Haus eingekehrt ist - doch in welcher Form!
Das hätte sich der reiche und erfolgreiche Onkel Franz niemals träumen lassen!
Er selbst geriet in Vergessenheit, seinem Neffen aus armen Verhältnissen 'gehört' heute das Haus ...
es ist das Erich Kästner Museum.

Erich Kästner auf der Mauer

... und so sitzt der junge Erich Kästner heute wieder auf der Gartenmauer und schaut dem munteren Treiben auf dem belebten Albertplatz zu, ganz so, wie er es einst als kleiner Junge getan hat, nur dass dort heute noch mehr Treiben und Verkehr ist als in den Jahren um 1910.
Natürlich nicht 'persönlich', sondern in Form einer Bronzestatue (keine Nymphe!), die nun die Gartenmauer ziert, ... gestiftet von einer großen Krankenversicherung.
(ob ihn das wohl freuen oder ärgern würde, wenn er das wüsste?)
"Am liebsten hockte ich auf der Gartenmauer und schaute dem Leben und Treiben auf dem Albertplatz zu .... Der Albertplatz war die Bühne. Ich saß zwischen Jasmin und Bäumen in der Loge und konnte mich nicht satt sehen."
(Quelle: s.u. Kapitel 13, S. 164f.)


Quellennachweis:

Alle Zitate aus Erich Kästners Kindheits-Autobiographie "Als ich ein kleiner Junge war",
Atrium Verlag, Zürich , 1957, hier aus Cecilie Dressler Verlag, Hamburg, 20. Auflage,1982


Alle Photos und Text: Klaus-Dieter Grüninger (EKG)
Kästner Portrait: S. Wagner (EKG)

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