Erich Kästner und die Frauen in seinem Leben

Über Erich Kästners Verhältnis zum weiblichen Geschlecht ist viel geschrieben
worden und es war sicherlich sehr vielschichtig. Wir wollen hier aber eher weniger
die "psychoanalytische Ebene" beleuchten, sondern uns weitgehend einfach mit
den Fakten begnügen. Die wichtigsten Frauen in Erich Kästners Leben seien hier
vorgestellt :

Ida Kästner

Ilse Julius

Luiselotte Enderle

Friedl Siebert


Ida Kästner

Das Verhältnis zwischen Erich Kästner und seiner Mutter Ida Kästner wird in praktisch allen Biographien als besonders eng bezeichnet. Ida Kästner engagierte sich über alle Maßen für ihren Sohn, vereinnahmte ihn aber auch umgekehrt sehr; der kleine Erich war der Sinn in ihrem Leben; dies nach neueren Forschungen wohl auch deshalb, weil Emil Kästner nicht Erichs leiblicher Vater war, und Ida Kästner in der Partnerschaft mit ihrem Mann nicht allzuviel Erfüllung fand.
Mutter und Sohn verbanden gemeinsame Wanderungen und Urlaube, immer ohne Emil Kästner.
Erich Kästner bemühte sich stets den oft hochgesteckten Erwartungen der Mutter gerecht zu werden.

"Da sie die vollkommene Mutter sein wollte und war, gab es für mich, die Spielkarte keinen Zweifel: Ich musste der vollkommene Sohn werden. Wurde ich's?"
(Erich Kästner, "Als ich ein kleiner Junge war", Atrium Verlag, Zürich, 1957 / Cecilie Dressler Verlag, Hamburg, 20 Auflage 1982, Kap. 11, S. 143)

Ob man Erich Kästner deshalb als "Muttersöhnchen" bezeichnen darf, ist umstritten. Tatsache ist, dass auch noch zu Kästners Leipziger und Berliner Zeiten - bis hin zum Zusammenbruch des Postwesens und Luftangriff auf Dresden 1944 - seine Mutter sich mit Wäschepaketen um seinen Kleiderschrank kümmerte (Erich war damals 45 !).
Beide schrieben sich auch noch lange danach, falls möglich, beinahe täglich.
Auch wenn die Briefe, insbesondere während der Herrschaft der Nationalsozialisten, oft nur die Belanglosigkeiten des Alltags zum Inhalt hatten - aus Angst vor ungebetenen Mitlesern - ist vieles im Leben Erich Kästners erst aus seinem Briefwechsel mit seiner Mutter bekannt geworden.
Dies reicht bis zu sexuellen Details in Erich Kästners zahlreichen Beziehungen, wenngleich Ida Kästner auch nicht immer sofort über alle Affären im Leben ihres Sohns informiert war.
Dennoch vermag dieses enge Verhältnis zur Mutter einiges in Kästners Leben und Werk zu erklären, wie Luiselotte Enderle bemerkt:

" Denn er liebte seine Mutter sehr. Zugleich aber litt er, ... unter der Verantwortung die sie ihm auferlegte .... Ihm wurde abverlangt Kind und Erwachsener zugleich zu sein. Es war ein unverhofftes Glück, daß seine Zukunft ihm das vergalt: Er darf als Erwachsener auch ein Kind sein."
(aus Luiselotte Enderle, "Erich Kästner", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1966, Kap. 2, S. 23)

Der "Erwachsene" in ihm schrieb all die ironisch, bissigen Verse auf die Schwächen seiner Zeitgenossen und die Unmoral seiner Zeit, das "Kind" wurde zum unvergessenen Autor zahlreicher Kinderbücher, die in die Weltliteratur eingingen. Und seine Mutter, wird vermutet, war auch der tiefere Grund warum sich Erich Kästner nicht in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte (1933-45) in die Schweiz abgesetzt hat.
Auf der anderen Seite prägte die Mutter Kästners Frauenbild stark. Die enge Vertrautheit mit seiner Mutter mag in Kästners Verhältnis zu anderen Frauen für diese oft stark belastend gewesen sein.


Ilse Julius

Ilse Julius war noch nicht einmal 18 Jahre alt, als sie sich im Sommer 1919 in den knapp einundzwanzigjährigen Erich Kästner verliebte.

Wie Kästner selbst war auch sie in Dresden in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem laut Görtz und Sarkovicz "öfter Alarmstimmung herrschte", und das, wie Kästners, nicht gerade begütert war. Auch sie hatte ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Vater und eine enge Beziehung zu ihrer Mutter. So brachte sie wohl ein gewisses Verständnis dafür auf, dass Ida Kästner im Leben ihres Sohnes die erste Geige spielte.
Dennoch stand ihre Romanze von Anfang an unter keinem guten Stern.

Kästner nahm im Herbst 1919 sein Studium an der Universität in Leipzig auf. Ilse und Erich sahen sich so zunächst selten. Ihren Kontakt hielten sie hauptsächlich durch einen Briefwechsel. Als Ilse Julius 1921 ihr Chemiestudium begann, ging sie zusammen mit Erich Kästner für ein Semester an die Universität Rostock. Diese hatte jedoch keinen guten Ruf in Germanistik, Kästners Hauptfach. So ging Kästner anschließend für ein Semester nach Berlin, das ihn stark prägte, bevor er nach Leipzig zurückkehrte. Ilse Julius blieb zunächst in Rostock, wechselte später an die technische Hochschule in Dresden.

Augusteum, Uni Leipzig, ca. 1898

Da er nicht aus einer begüterten Honoratiorenfamilie stammte, musste der junge Erich Kästner von Anfang an versuchen, sein Studium durch Nebentätigkeiten mitzufinanzieren. Er arbeitete nicht nur zeitweise als "Werkstudent" im Messeamt der Leipziger Messe, er versuchte durch Beiträge in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften auf sich aufmerksam zu machen. Diese journalistische Tätigkeit nahm im Laufe seines Studiums immer größere Ausmaße an und der junge Kästner ging in dieser Aufgabe voll auf. Vom freien Mitarbeiter wurde er zum fest angestellten Redakteur, und dann war da ja auch noch das Studium!

Für eine Freundin - zumal in einer anderen Stadt - blieb so wenig Raum, an eine feste Bindung oder gar Heirat mochte Kästner nicht denken. Ilse Julius mag sich eine solche eher vorgestellt und auch dafür gekämpft haben, obwohl sie, für die damalige Zeit, eine ungeheuer emanzipierte Frau gewesen sein muss.
Trotz starker Bindungen beider aneinander, waren die Umstände gegen eine dauerhafte Beziehung der beiden. Dazu mag die Entfernung beigetragen haben, die Zeit und die unterschiedlichen Interessen: Kästner promovierte 1925 an der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig über "Die Erwiderungen auf Friedrichs des Grossen Schrift "De la Littérature Allemande", ein Beitrag zur Charakteristik der deutschen Geistlichkeit um 1780", im gleichen Jahr legte Ilse Julius in Dresden ihr Chemie-Diplom ab. Es dauerte dennoch bis Ende 1926 bis sich ihre Wege trennen sollten, sie hatten sich einfach auseinandergelebt. Käster selbst formulierte es in einem Gedicht später so:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.

(Erich Kästner, "Sachliche Romanze" in "Lärm im Spiegel", Curt Weller & Co, Leipzig/Wien, 1928)

Erich Kästner, der sich wegen mißliebigen politischen Ansichten mit seinem Chefredakteur überworfen hatte, ging 1927 nach Berlin, wo er mehr im Bereich Feuilleton tätig sein sollte. Ilse Julius blieb in Dresden und promovierte drei Jahre später (1929) über "Heterocyclische Polymethin-Farbstoffe". - Wie Kästner übrigens mit "sehr gut".


Luiselotte Enderle

Erich Kästner arbeitete in den Jahren 1926-32 "nebenbei" für den Leipziger Familienverlag Otto Beyer, der das Familienblatt Beyers für Alle herausgab. Kästner schrieb für dieses Blatt Geschichten, Gedichte, Rätsel und kleine Feuilletons für Kinder. Luiselotte Enderle, seine spätere langjährige Lebensgefährtin, gehörte mit zur Redaktion. Später, im Jahre 1935 haben sich beide in Berlin wiedergetroffen, sich enger miteinander befreundet und wohnten zusammen. Sie diente wohl als Vorbild für die Mutter "Luiselotte" der beiden Zwillinge "Luise" und "Lotte" in "Das doppelte Lottchen". Kästner hatte das Glück viele Filmleute zu kennen. Trotz Schreibverbot hatte er unter recht mysteriösen Umständen das Drehbuch für den Monumentalfilm "Münchhausen" schreiben dürfen. Luiselotte Endele arbeitete als Dramaturgin bei der Ufa, der "Babelsberger Traumfabrik", die mit ihren Filmen bis zuletzt in den Köpfen der Deutschen gegen das bevorstehende Ende des 3.Reiches anzukämpfen versuchte. Als 1945 die russischen Panzer vor Berlin standen, flüchtete wer konnte aus der Hauptstadt. Unter dem Vorwand, dass beide bei der Produktion des Film "Das verlorene Gesicht" beteiligt seien - Kästner angeblich als Drehbuchautor - verließen sie mit einem 60-köpfigen Team Berlin in Richtung Mayrhofen im Zillertal, Tirol. Dort wurde wie besessen gedreht, allerdings mit leerer Filmkassette in der Kamera, alles war nur ein Bluff !

Schließlich kamen Luiselotte Enderle und Erich Kästner im Herbst 1945 nach München. Die bayrische Hauptstadt wurde zu so etwas wie einem Sammelbecken der Intellektuellen für einen Neubeginn nach dem Krieg. Erich Kästner arbeitete als "leitender Redakteur des Feuilletons" für die neugegründete Neue Zeitung, Luiselotte Enderle war seine Stellvertreterin. Zur illustren Redaktionsgesellschaft gehörten auch Robert Lemke (Innenpolitik) - einem späteren Fernsehpublikum sicher noch mit seiner Sendung "Was bin ich?" ein Begriff , Hildegard Brücher (später Hamm-Brücher) die Granddame der FDP, sowie der Schriftsteller Stefan Heym. Ein Jahr später verließ Kästner das Blatt und vermachte Luiselotte Enderle die Leitung des Feuilletons. Beide wohnten weiter an verschiedenen Orten in München zusammen und das blieb so bis zu Erich Kästners Tod 1974. Obwohl Erich Kästner mit ihr die längste Zeit seines Lebens verbracht hat, insgesamt fast 40 Jahre, waren sie nie verheiratet und Frau Enderle ist auch nicht die Mutter von Kästners Sohn.
In ihrer Kästner Biographie äußert sie sich auch praktisch nicht zu Kästners Beziehungen zu Frauen - außer zur Mutter - mit der Begründung :

"Natürlich wurde auch nach Frauenbeziehungen gefragt. Erich Kästner lehnte ab,
jemals darüber zu sprechen. Das verbiete ihm die Diskretion. So tritt an
Weiblichkeit nur in Erscheinung, was offiziell in Erscheinung trat."

(Luiselotte Enderle,"Erich Kästner", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1966, S. 157)

Görtz und Sarkovicz sehen den tieferen Grund dieser Argumentation eher in einer Demütigung die Luiselotte Enderle empfunden haben mag :

"Noch über Kästners Tod im Juli 1974 hinaus muß Frau Enderle es als Kränkung empfunden haben, weder seine Ehefrau noch die Mutter seines Kindes gewesen zu sein."

Jedenfalls sind nach dem Tod nun beide auf Dauer vereint, Luiselotte Enderle, die 1991 in München starb, ist zusammen mit Erich Kästner in Bogenhausen begraben.


Friedl Siebert

Als Kästner ihr 1949 in München das erste mal begegnete, war Friedl Siebert dreiundzwanzig Jahre alt. Kästner lebte mit Luiselotte Enderle zusammen, doch Friedl Siebert war für Erich Kästner wohl mehr als ein Seitensprung - von dem Luiselotte Enderle wohl etwas ahnte, aber nichts Genaues wusste. Friedl Siebert sollte die Mutter des Sohnes werden, den Kästner sich wohl immer gewünscht hatte, wie ein Auszug aus dem bereits 1931 veröffentlichten Gedicht Ein Brief an meinen Sohn erahnen lässt:

Ich möchte endlich einen Jungen haben,
so klug und stark, wie Kinder heute sind.
Nur etwas fehlt mir noch zu diesem Knaben.
Mir fehlt nur noch die Mutter zu dem Kind.

(aus Erich Kästner "Brief an meinen Sohn" in "Gesang zwischen den Stühlen" - Erstausgabe: Deutsche Verlagsanstalt Berlin, 1932)

Am 15. Dezember 1957 bringt Friedl Siebert Erich Kästners Sohn Thomas zur Welt. Kästner wohnte mit Luiselotte Enderle zusammen, besuchte aber Friedl Siebert und seinen Sohn regelmäßig. Erst 1960 hat er seiner Lebensgefährtin wohl die Affäre und den Sohn gestanden. Friedl Siebert verließ München, zog in die Schweiz, kehrte jedoch 1962 nach München zurück. Kästner muss Sie in der Folgezeit wohl wieder häufiger gesehen haben, bis auf die Zeit die er im Sanatorium in Agra im Tessin verbrachte um seine Tuberkulose auszukurieren. Im Herbst 1964 kam es zum großen Eklat. Friedl Siebert zog nach Berlin, Kästner wollte ihr angeblich folgen, vollzog diesen Schritt aber nie.
Friedl Siebert starb 1986.


Die Informationen für diesen unabhängigen und neu zusammengestellten Text basieren größtenteils auf

der Kästner-Biographie von Franz Josef Görtz und Hans Sarkowicz erschienen im Jahre 1998 im Piper-Verlag, München ISBN 3-492-03890-5

sowie Luiselotte Enderles Biographie über Erich Kästner erschienen im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 1966, ISBN 3-499-50120-1

und Gedichtsauszügen von Erich Kästner selbst (vgl. Quellenangaben)

Wir bedauern, dass wir die fehlenden Fotos aus dem Erich Kästner Archiv nicht mehr zeigen dürfen.

Die Rechte der anderen Bilder sind derzeit in der Klärung.

Klaus-Dieter Grüninger ©

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