Dem Tod als Tabuthema entgegenwirken

Georg Kolb, ehrenamtlicher Geschäftsführer des Hospizes in Göppingen-Faurndau, war zu Gast am EKG

 

„Das war eine meiner besten Entscheidungen meines Lebens.“ Wenn man das sagt, muss es sich entweder um eine Heirat, eine Geburt oder – ja was? - um etwas Berufliches handeln? Folgt man Georg Kolb, so ist in diesem Zusammenhang Letzteres der Fall. Als ihn nämlich vor Jahren der ehemalige Bundestagsabgeordnete des Landkreises Göppingen, Klaus Riegert, fragte, ob er nicht ehrenamtlicher Geschäftsführer des Hospizes in Göppingen-Faurndau werden wolle, bejahte er dies nach einer kurzen Bedenkzeit.

Und so motiviert und authentisch trat Herr Kolb am vergangenen Montag (11. Mai) auch im Psychologiekurs des Erich Kästner Gymnasiums auf. Im Rahmen dieses Wahlfaches hatten die Schülerinnen und Schüler zusammen mit Herrn Weber über „Sterben“, „Tod“ und „Trauerarbeit“ gesprochen und sich elementaren Fragen des Lebens gewidmet: Was will man im Leben erreichen? Was bedeutet mir „Würde“? Was ist „Glück“ für mich? Und so erschien es logisch, sich einmal mit einem Experten auszutauschen.

Der Vortrag von Herrn Kolb begann mit der Feststellung, dass der Tod in unserer Gesellschaft viel zu sehr tabuisiert werde. Dabei gehöre er zu unserem Leben dazu, man könne sich nicht vor ihm drücken. Umso wichtiger sei es, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Und genau das geschieht in der Hospizeinrichtung in Faurndau. Acht Gäste können stationär in der Palliativstation unterkommen – und die Warteliste ist lang. Zumeist sind es stark metastasierende Krebspatienten mit geringer Lebensprognose, die ihre letzten Wochen in der wunderschön an einem Park gelegenen Villa in Würde und vor allem ohne Schmerzen verbringen wollen. Das schafft das gut zehn „Frau“ starke Pflegeteam um seine Leiterin Marta Alfia in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Angehörigen, die, sofern sie wollen, mit im Zimmer ihres Familienmitglieds schlafen dürfen, und Seelsorgekräften.

Oberste Priorität in dieser Hospizarbeit hat der Gast selbst. Er darf sein Zimmer ganz individuell einrichten. „Es gab einmal eine Künstlerin, die ihre Kunstwerke mitgebracht hat, sodass ihr Zimmer fast wie eine Art Ausstellung wirkte. Und natürlich dürfen unsere Gäste auch ihre Haustiere mitbringen. Wir hatten schon Hunde, Katzen und Vögel bei uns“, erzählt Herr Kolb.

Selbstverständlich zählt auch die medizinisch-pflegerische Versorgung zu den wichtigsten Grundpfeilern der Göppinger Hospizarbeit. Deswegen habe man auch höchste Ansprüche an das Personal. Es muss nicht nur über eine zweijährige Berufserfahrung, sondern auch über eine Zusatzqualifikation in der Palliativmedizin verfügen. Denn um Schmerzen zu nehmen, arbeitet man vor allem mit Opiaten, z.B. Morphium. „Dabei ist uns schon bewusst, dass wir, je nach Medikation, ein Leben verkürzen, um Schmerzen nehmen zu können. Aber eine gerade in der Diskussion befindliche Veränderung der bestehenden gesetzlichen Regelung hin zu einer aktiven Sterbehilfe lehnen wir eindeutig ab“, so Herr Kolb.

Genau diese Einstellung fand in der an das Referat anschließenden Fragerunde Widerworte. Warum sollte man nicht seinem Leben ein Ende bereiten dürfen, wenn man das für sich bei klarem Verstand und einer furchtbaren Lebensprognose entscheide? Es wurde schnell klar, dass diese Frage je nach moralischem oder christlichem Standpunkt verschieden beantwortet werden kann. Weitere Fragen zielten dann mehr auf die seelische Belastung durch den täglichen Umgang mit dem Sterben und dem Tod ab. Um all das „tragen“ zu können, bedürfe es natürlich einem sehr vertrauensvollen Miteinander und einer Supervision. Hier könne man das Erlebte in Gesprächen verarbeiten. Denn im Schnitt verbleibt ein Gast sechs Wochen im Hospiz, insgesamt haben seit der Gründung vor fast genau zwei Jahren 140 Gäste die Einrichtung zu ihrer letzten Lebensstation gewählt – da erlebt man viel.  

Warum ist es nun „eine der besten Entscheidungen“ gewesen, die ehrenamtliche Geschäftsführung zu übernehmen? Weil man im Umgang mit den Gästen viel lerne, für sich und das Leben, viel Dankbarkeit ernte und vor allem Demut erfahre. „Die eigenen Probleme werden im Umgang mit Sterbenskranken so winzig, dass man sein eigenes Glück viel besser erleben kann“, erzählt Georg Kolb. Und wenn wir als Zuhörer erfahren, dass der jüngste Gast 21 Jahre alt war, bevor er innerhalb weniger Woche verstarb, dann kann man sich ansatzweise vorstellen, was damit gemeint ist. Insofern konnte auch der Psychologiekurs Demut erfahren – eine wichtige Lehre für das Leben. Denn dazu gehören natürlich auch die Heirat und die Geburt der eigenen Kinder!  
S. Weber    

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