Literatur und Theater-Kurs

EKGler beweisen Weitsicht und Sprachgefühl

Schülerinnen und Schüler des „Literatur und Theater – Kurses“ lesen aus ihren Werken

Wenn man schreibt, ist es so, als ob man sein Innerstes nach außen kehren würde. Freilich handelt es sich in solchen Fällen nicht um Berichte über Sportereignisse oder kulturelle Events, sondern um Gedichte oder Kurzgeschichten. Und diese eigenen literarischen Werke präsentierten am vergangenen Donnerstag die Schülerinnen und Schüler des „Literatur und Theater“-Kurses von Frau Weber im Erich Kästner Gymnasium. Von der ersten Sekunde an wurde den Zuhörern klar, über welch beachtenswertes Können die jungen Autoren verfügen.
„Eigentlich handelt es sich bei allen Werken um eine kollektive Themaverfehlung, wenn man von dem ausgeht, was ich erwartet habe“, so Dorothea Weber in ihren Eingangsworten. „Die gestellte Aufgabe hieß „Ende und Anfang“ und für mich bezog sich dies eher auf das Ende der Schulzeit oder den Anfang des Erwachsen-Seins, aber das, was kam, war etwas ganz anderes, nämlich Liebe und Tod. Und es hat mich total geplättet.“
Um es vorweg zu nehmen: Die Zuschauer auch. Ein Abend nahm seinen Lauf, der für viele unvergesslich bleiben sollten.
Den Anfang machten Jessica Wiedmann, Maria Rak und Vanessa Dubravac. Sie lasen eine Geschichte vor, die jeweils den gleichen Anfang hatte, aber ein unterschiedliches Ende fand. Aus der Sicht einer Frau wird ein trister, regnerischer Abend beschrieben, den sie auf unterschiedliche Arten verbringen kann: Alleine, mit ihrer Freundin oder mit ihrem Freund. Auch wenn sich alle drei Schlüsse unterscheiden, so geht es etwa traurig oder „übersinnlich“ zu (es wird ein Geist beschworen), haben sie doch eines gemeinsam: Sie stimmen nachdenklich. Wie geht man mit sich selber und anderen um?
Dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch die Lesung. Jacqueline Waller und Luca Weber versetzten das Publikum in die Intensivstation eines Krankenhauses. Geräte surren und piepen im Hintergrund, was beide Vorleserinnen lautmalerisch wiedergaben. Die Atem- und Herzfrequenz setzt langsam aus. Es wird klar, dass hier jemand einen geliebten Menschen auf seinem letzten Weg begleitet. Dies wird zunächst aus der Perspektive der „Besucherin“, dann aus der Sicht des Sterbenden wiedergegeben.
Auch Petra Biernoth beschrieb eine Nahtoderfahrung – hervorgerufen durch einen Autounfall. Der Protagonist weiß selber lange nicht, wo er sich befindet. Träumt er oder lebt er? Nimmt er die Wirklichkeit noch wahr? Diese Unklarheit beschäftigt auch den Zuhörer, was Spannung erzeugt.
Ein besonderes „theatralisches“ Können bewies Tamara Scholz. Unvergleichbar lebte sie ihre Geschichte vor, indem sie die Handlung imitierte. Schritte schlichen über den Flur, der Schrecken zeichnete sich in der Mimik ab, Empörung entnahm man ihrer Körperhaltung. Die Hauptperson erlebt eine Dreiecksbeziehung, die durch einen außerplanmäßigen Besuch ihrer Affäre auffliegt. Am Ende steht sie alleine da und muss lernen, dass nicht die anderen, sondern sie selbst daran Schuld trägt. Das mitreißende Element an dieser „Ménage à trois“ war auch die Tatsache, dass an zwei Stellen das Publikum mitentscheiden konnte, wie die Handlung weitergehen soll. Toll!
Auf die musikalische Umsetzung des Themas durch eine eigene Komposition von Franziska Genske mussten die Zuhörer wegen einer Erkrankung der Schülerin leider verzichten.
Julias Spannbauers Beitrag war zwar der kürzeste, aber gerade deswegen nicht weniger einprägsam. In ihrem fast lyrisch anmutenden Text zeigte sie umso mehr, dass sie eine gute Wortjongleurin ist. Je weniger Worte man nutzt, umso bedeutungsschwerer wird jedes einzelne. So nahm sie in einem inneren Monolog die Zuschauer mit in eine philosophisch anmutende Betrachtung über die Liebe.
Die letzten beiden Stücke der Lesung hatten es dann am meisten in sich. Zunächst berichtete Ivo Klein aus der Sicht eines Kindes, wie schlimm Krieg ist. Tagebucheinträge geben den Schmerz und die Verzweiflung wieder, die der Verlust der Eltern für das Kind bedeutet. Diese Binnenhandlung wird am Ende verlassen, indem ein Vater seinem Kind diese Tagebucheinträge Jahre später vorliest. Die Botschaft: Auch wenn bei uns Frieden herrscht, woanders ist Krieg. Uns geht es gut, anderen miserabel. Lasst uns dessen bewusst sein!
Den Höhepunkt des Abends bot dann Lejdina Jusufi. Im Stil eines Poetry Slam trug sie einen Text auswendig vor, der unter die Haut ging und viele Augen feucht werden ließ. Sie beschrieb aus der Sicht eines Flüchtlings die Motive, das Heimatland zu verlassen, die Umstände des beschwerlichen Weges nach Europa und die Ereignisse rund um die Aufnahme mutmaßlich in Deutschland. Der gekonnte Vortrag und die sensible Beschreibung des Innenlebens, also von Gedanken und Gefühlen, erzeugten Gänsehaut. Diese „Performance“ hat definitiv ein noch größeres Publikum verdient.
Am Ende des Abends waren die Zuhörer im doppelten Sinn des Wortes „mitgenommen“, ging es in den Texten doch um Liebeskummer, Tod und Krieg. Es gibt Erbaulicheres. Doch Frau Weber formulierte es treffend: „Nehmen sie die Botschaften der Geschichten mit nach Hause und lassen sie sie nachwirken.“ Vielleicht entsteht ja daraus etwas Gutes?      
Wenn man sein Innerstes nach außen kehrt, heißt das nicht unbedingt, dass Biographisches verarbeitet wird. Natürlich kann man sein Erleben nicht ausblenden. Was man sieht, hört oder spürt, also wahrnimmt, ist Ausgangspunkt für das Schreiben. Insofern erfährt der Zuhörer etwas über Denkweisen oder Gefühlswelten. Und dies machte der Abend überdeutlich: Die Schülerinnen und Schüler nehmen sehr sensibel auf, was um sie herum passiert. Es beschäftigt sie und nimmt sie mit. Viel mehr, als man denken mag. Und wieviel Nächstenliebe, Verantwortungsgefühl, Kreativität und Sprachvermögen in „der Jugend“ steckt, kann für die Zukunft nur positiv stimmen. So wird einem um Deutschland nicht bange. 
Stefan Weber

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