Polnischer Schriftsteller besucht das EKG

Er kam tatsächlich. Er stand in der Tür und lächelte. Groß. Dreitagebart. Schütteres Haar. Bescheiden und höflich. Der bedeutendste Gegenwartslyriker Polens. Adam Zagajewski.

Es war der Initiative von Tina Stroheker zu verdanken, dass sich die Möglichkeit einer Lesung am Erich Kästner Gymnasium ergab. Als die bekannte Schriftstellerin erfuhr, dass ihr Kollege in Wangen im Allgäu den renommierten Eichendorff-Preis verliehen bekommen sollte, packte sie die Gelegenheit am Schopfe, organisierte einen Fahrdienst und brachte Adam Zagajewski nach Eislingen.

Und da stand er nun vor 70 Schülerinnen und Schülern und lächelte fast schüchtern in die Menge. Leise und zögernd ergriff er das Wort und begann, ausgewählte Gedichte aus seinem eigenen Werk zu rezitieren. Und das tat er auf sehr persönliche Art und Weise. Immer wieder unterbrach er seine Lektüre und erzählte Anekdoten aus seinem Leben, die zumeist in einer Beziehung zu seinen Gedichten standen. Über seinen Vater oder seine Frau, seine Studenten in Houston, seine Heimat. Das wirkte sehr authentisch – was ankam. Die angehenden Abiturienten lauschten gespannt seiner einprägsamen Stimme, die alles auf deutsch artikulierte, mit sympathisch leichtem Akzent.

Besonders angetan hatte es den EKGlern das Gedicht „Die grüne Windjacke“. Das lyrische Ich berichtet von dem Besuch seines Vaters in Paris. Dabei erfährt der Leser, dass sich eine schwere Krankheit anbahnt, die dem Vater am Ende das Leben kosten sollte. Verkörpert wird dies im Gedicht auch durch die Metapher der „grünen Windjacke“. „Eigentlich ein unbedeutendes Kleidungsstück“, so Adam Zagajewski, „und doch transportiert es eine Menge.“ In diesem Fall das Unglück. Was bei der Zuhörerschaft zu der Frage führte, ob er denn immer bewusst rhetorische Mittel einsetze und nur eine einzige Deutung zuließe. Das plagt Schüler. Deutsch ist nicht Mathe, am Ende kommt nicht immer nur ein gültiges Ergebnis zustande. Aus der Sicht des Autors gesprochen: „Rhetorische Mittel wie die Metapher entstehen eher zufällig, kein Programm steht dahinter.“ Und Tina Stroheker ergänzt später: „Es gibt einen gewissen Rahmen, in dem man frei deuten kann.“ Das macht es nicht unbedingt einfacher, weil die Grenze zwischen schon falscher und noch richtiger Interpretation für Schüler recht schwammig ist. Das macht einen Teil der Unlust am Deutschunterricht aus. Der Sinn des Lesens geht zunehmend verloren. Warum soll man Gedichte interpretieren können? Was bringt mir das für mein Leben?

Adam Zagajewski antwortet auf die Frage, warum er angefangen habe zu schreiben, in zwei Wörtern zusammengefasst: „Aus Langeweile“. Natürlich habe er als Jugendlicher gerne gelesen, bis heute sind seine Lieblingsautoren u.a. Thomas Mann, Gottfried Benn und Rainer Maria Rilke. Und dann wollte er es selber mal probieren. Früh mit Gedichten, allerdings auch mit Romanen. „Aber ich tauge nicht als Romancier. Und mit Gedichten kann ich mindestens genauso viel in knapperer Form ausdrücken.“

An anderer Stelle, nämlich in seinem kurzen Essay „Junge Dichter, bitte lest alles“, gibt er eine weitere Antwort. „Lest für euch selbst, lest zu eurer Inspiration, zum süßen Aufruhr in euren hübschen Köpfen. Aber lest auch gegen euch selbst, lest zum Hinterfragen und zur Machtlosigkeit, zur Verzweiflung und Gelehrsamkeit, […].“

Natürlich brauche man auch eine gewisse Disposition, einen Hang zur Literatur. Bei ihm mache sich dieser Hang häufig im Zug bemerkbar. „Ich habe immer einen Notizblock bei mir. Und wenn ich dann durch schöne oder auch nicht so schöne Landschaft fahre, kommen mir die besten Ideen. Die Poesie braucht das Nirgendwo.“

Vielleicht haben ja auch die humorige Art Adam Zagajewskis, seine Klugheit und seine Bereitwilligkeit, geduldig und ausführlich auf Schülerfragen zu antworten, dazu beigetragen, Neugier zu wecken, nämlich darauf, dass eine Welt zwischen zwei dicken Buchdeckeln liegen kann.

Stefan Weber


 

 

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